28.04.2016 : Besuch vom Präsidenten

Im Rahmen der Aktion des Präsidenten des Landesschachverbands Schleswig-Holstein, FM Ullrich Krause, verschiedene Vereine zu besuchen, waren wir dran. Eine vorherige Abstimmung in unseren Reihen führte dazu, dass als Veranstaltungsinhalt ein Simultan gewählt wurde. Sicher wäre ein Vortrag über Geheimnisse in Turmendspielen auch instruktiv gewesen, aber so ein Simultan hat schon was. Die Teilnehmeranzahl wurde auf 12 begrenzt, hinzu kam, dass Spieler der 1.Mannschaft nur sehr dosiert zum Zuge kommen sollten. Extrem kurzfristig musste leider Hauke krankheitsbedingt absagen - sehr schade. Später gesellte sich als Gast Jens Wulf von Moers hinzu, der sich sowohl bei der Partieanalyse als auch bei der anschließenden Diskussion konstruktiv einbrachte.

 

Im folgenden werden die Partien der Sitzreihe nach beschrieben, nicht hinsichtlich des Partieendes.

 

Unser Ehrenvorsitzender Horst hatte mit weiß etwas mehr Raum, zahlte dafür mit einer Bauernschwäche und einer Linie, auf der die gegnerischen Türme einbrechen konnten. Hinzu kam als Nachteil der schlechtere Läufer, der bald ausnahmslos Bauern auf seiner Felderfarbe sah. Man kennt allerdings die Zähigkeit Horsts, und als der Königsflügel komplett abgeriegelt war, sah einiges nach einem remis aus. Just in diesem Moment überfiel Ullrich mit beiden Türmen und dem Läufer Horsts Isolani, der nicht mehr gedeckt werden konnte. In einer der längsten Partien des Tages reichte das zum Sieg.

 

Andreas griff sich anfangs einen Bauern. Frage: festhalten? Falls nicht, wann ihn günstig zurück geben? Andreas gab ihn zurück, und kam unter Druck. Ein Doppelbauer an Andreas Königsflügel  wurde von Ullrich schlicht ignoriert - die Kampfhandlungen fanden fast ausnahmslos am Damenflügel statt. Andreas schien alles gedeckt zu haben,  verlor aber aufgrund einer Fesselung Dame gegen Turm und Springer. Da das den Druck keineswegs aus der Stellung nahm, setze sich Ullrich durch.

 

Ich versuchte von Anfang an mit schneller Entwicklung Druck im Zentrum zu entwickeln, und keinesfalls Druckspiel gegen meine Stellung zuzulassen. Ullrich machte einige Züge, die mich überraschten. Bald hatten wir eine völlig symmetrische Bauernstellung, mit vielleicht minimalen Vorteilen für mich. Mein remis-Angebot wurde angenommen.

 

Peter spielt mutig, ohne sich einschüchtern zu lassen. Unter Bauernketten stellt man sich eine zugeschobene Bauernstruktur wie in Königsindisch oder Französisch vor, hier indes gab es auf beiden Seiten gedeckte Freibauern auf der anderen Seite der gedeckten Freibauern des Gegners.  Und da saß Ullrich dann doch am längeren Hebel.  Seine Bauern waren etwas weiter vorn, und leichter zu decken. Im Bemühen, die Situation zu entschärfen, übersah Peter, dass seine Bauernkette ausgehebelt werden konnte, was die Entscheidung zugunsten Ullrichs herbei führte.

 

Rolf brachte ein mutiges Gambit, nicht die schlechteste Wahl bei einem Simultan. Zusätzliche Schärfe brachte der Umstand, dass wir heterogene Rochaden beobachten konnten. Rolf ging im Zentrum vor, den gegnerischen Mehr- und Doppelbauern auflösend. Das hört sich unlogisch an, war aber absolut stellungsgerecht, und brachte Ullrich in echte Bedrängnis. An einer Stelle hätte Rolf vermutlich sogar in Vorteil kommen können, aber auch so  bekam er den Bauern wieder, und das entstandene Turmendspiel war absolut ausgeglichen. Das remis-Angebot zum richtigen Zeitpunkt nahm Ullrich nach etwas Zögern an. Vermutlich war das die beste Partie von unserer Seite.

 

Für Ellen (die sehr kurzfristig für Hauke einsprang) war das noch eine Nummer zu groß. Vielleicht war es keine gute Idee, sie vor eine solche Aufgabe zu stellen. Sie mühte sich redlich, musste aber bald dem positionellen Druck Tribut zollen und verlor entscheidend Material.

 

Stefan hatte noch nach etlichen Zügen eine näherungsweise ausgeglichene Stellung. Er ignorierte dann einen Angriff auf einer halboffenen Linie völlig. Bauernverlust war die Folge, gefolgt von Damentausch.  Das Geschehen verlagerte sich auf den Damenflügel, an dem Ullrich Fortschritte machte. Als sich heraus kristallisierte, dass der Mehrbauer eine Figur kosten würde, gab Stefan ganz zum Ende des Kräftemessens auf.

 

Kalle hatte eine durchaus brauchbare Stellung, und den Vorteil, dass man da schon rein schauen musste, um sich nicht zu verhaspeln. Hauptmerkmal der Stellung war schon bald ein weit vorgerückter, aber sicher gedeckter Bauer von Ullrich, in dessen Schatten ein Springer Druck entfaltete. Kalle entschärfte den Druck durch einen Tausch einer Figur gegen drei Bauern, und stand materiell absolut okay da, dazu auch ohne Schwächen. Ullrich ging gegen die Königsstellung vor, und erzwang den Sieg mit Turm, Springer und einem weit vorgerückten Bauern, die im Verbund deutlichen Materialgewinn gesichert hätten.

 

Ulf hatte allerlei getauscht, und eine absolut symmetrische Stellung herbei geführt. Leider passierte ihm das, was häufig in solchen Fällen geschieht: im Bestreben, möglichst viel abzuholzen, gewinnt der Gegner fast unmerklich die Oberhand. Die Entscheidung fiel hier auf der einzigen offen Linie, die in Ullrichs Besitz überging. Ulf konnte nicht mehr opponieren, und musste die Segel streichen.

 

Thomas hatte recht früh eine Schwäche in seiner Bauernstruktur, vermutlich sogar absichtlich herbei geführt.  Ullrich ließ sich aber nicht beirren, und kam in Vorteil durch Kontrolle der Felder im Zentrum, was die Schwäche immer spürbarer werden ließ. Als dann Thomas auch noch eine Figur verlor, war die Partie entschieden.

 

Jens hatte mehr Raum am Damenflügel, ohne dass das einen Vorteil bedeutet hätte. Am Königsflügel indes musste er mächtigem Druck stand halten. Das gelang ihm auch, sein schwacher Bauer wurde durch den sehr starken Springer völlig kompensiert. Nach einem Scharmützel am Damenflügel, bei dem zwei Linien zunächst ohne Vorteil für eine der beiden Seiten geöffnet wurden, schickte Ullrich seinen Läufer auf Patrouille quer durch die feindlichen Linien. Das sah recht riskant aus, aber er kam zum Abtausch gegen Jens riesigen Springer. Im Anschluss konnte Ullrich zwar auf der einzigen offenen Linie einen neuralgischen Punkt besetzen, aber Jens stemmte sich dagegen, bot remis an, und bekam es. Mir schien das plausibel, aber der andere Jens (Wulf von Moers) meinte unmittelbar, dass Ullrich auf Gewinn gestanden hätte. Mir schien das kaum möglich, und doch war es ganz einfach: man geht zwei Schritte mit dem König in Richtung Damenflügel, tauscht dann selbst die Damen, dringt mit dem König ein und gewinnt elementar das Bauernendspiel. Jens darf nicht selbst tauschen, weil Ullrich einen gedeckten Freibauern bekommt, und in jedem Fall im Zentrum mit dem König eindringen kann. Schach kann so einfach sein... Dennoch: Jens hat lange sehr gut gespielt, und sich remis redlich verdient.

 

Henning hatte sich wirklich gut aufgebaut. Die Stellung war absolut im Lot, als er eine Figur für zwei Bauern opferte, und dem vermeintlichen Gewinn eines weiteren Bauern. Ullrich wies aber nach, dass der dritte Bauer nicht fiel. Hinzu kam, dass am Königsflügel ein Bauer Ullrichs zwei von Henning aufhielt, so dass absolut jedes Gegenspiel verhindert war. Richtigerweise gab Henning in dieser Situation auf.

 

Endstand: 10,5 : 1,5 für unseren Gast, FM Ullrich Krause. Ganz instruktiv war für mich zu sehen, wie denn die meisten Partien abliefen. Eigentlich immer hatte Ulrich eine saubere Bauernstruktur, kam nie in eine strategisch schlechte Position. Natürlich profitierte er auch von Fehlern, aber ohne Fehler geht jede Partie remis aus. In keiner Partie gewann er durch eine Opferorgie, es war immer ein positionelles Überspielen. Einen Doppelbauern hatte er nur in einer einzigen Partie, und genau in der stand er taktisch kritisch.

 

Anschließend wurde in lockerer Runde über verschiedene Themen geplaudert: ein schönes Gefühl, wenn sich der Präsident des Landes-Schach-Verbands die Zeit nimmt.

 

An dieser Stelle möchte ich mich für die tolle Aktion, einzelne Schachvereine zu besuchen, sowie den Umstand, dass wir dabei sein durften, bei unserem Präsidenten Ullrich Krause herzlich bedanken.

 

 

Egbert Hengst