Elbdeich-Pokal in Brokdorf : Bronze für Cliff

Pfingstsonntag kurz nach 22 Uhr: ich schaue doch mal auf die Brokdorfer Seite, um den Zwischenstand des Elbdeichturniers in Erfahrung zu bringen. Die Beteiligung ist doch etwas geringer als beim ersten Elbdeich-Pokal vor zwei Jahren. Es sind viele Brokdorfer dabei, dazu einige aus Hademarschen. Von uns ist nur Cliff dabei. Favorit(in) ist wohl Britta Leib, Dirk Clausen kommt ihr DWZ-mässig am nächsten. Ein Blick auf die Tabelle : Cliff führt nach fünf Runden, hat gegen Britta remisiert, und gegen Dirk gewonnen. Nächste Runde gegen Hendrik Niemöller, der immer gefährlich ist. Ich beschließe, Montag Mittag hinzufahren, um dem Turnier beizuwohnen.

Bei meiner Ankunft sind die meistern Spiele erledigt, Cliff steht mit dem Rücken zur Wand, hat zwei Türme und einen Läufer gegen Dame und Turm, dafür aber einen Minusbauer mehr. Britta sielt an Brett drei gegen einen 10-jährigen Knirps : Jacob von Estorff aus Uelzen. Britta hat einen Bauern mehr im Bauernendspiel, und gewinnt dann auch. Aber dass der Junge so weit gekommen ist, zeigt sein immenses Talent.

Ich gehe einen Kaffe trinken, als kurz danach Cliff hereinschlendert... er hat aufgegeben. Das Hauptmotiv war die unglückliche Stellung der Türme, die Hendrik mit einer Fesselung ausbeuten konnte. Wir sehen uns die Partie an, und man muss sagen : das hat Hendrik wirklich gut gespielt. Die Fehler von Cliff waren nicht so groß, dass man kopfschüttelnd hätte davon laufen müssen. Dirk Clausen hatte gegen seinen Vereinskameraden Michael Strobel gewonnen, auch nicht gerade ein Leichtgewicht. Alle Beteiligten waren sich einig, dass Cliff noch besser hätte dastehen können - gegen Britta hatte er zum Zeitpunkt des Remisierens eine glasklare Gewinnstellung.

An dieser Stelle muss man konstatieren, dass das Turnier einen größeren Zuspruch verdient gehabt hätte. Sehr gute Organisation, von den Spielbedingungen über die Verpflegung, Analyseraum bis hin zu den schicken Pokalen - für die Kids besonders attraktiv.

Vor der letzten Runde führt Hendrik mit einem halben Punkt vor Britta, Dirk und Cliff. Buchholzmäßig steht Dirk knapp vorn. Letzte Runde : Britta gegen Hendrik, Dirk gegen Nils Altenburg, Cliff gegen Joleik Nordmann, den am besten platzierten Brokdorfer. Cliff erzählt mir, dass er sonst immer gegen Joleik verloren habe. Mag schon sein, aber einer von den beiden ist in den letzten Jahren erheblich besser geworden. Blick zurück Elbdeich-Turnier 2011 : Cliff wird 27. von 34, Joleik 11. Seitdem hat Joleik etwa 300 DWZ-Punkte hinzugewonnen, Cliff ca. 800. Also : Cliff ist Favorit, ganz klar. Spiel Dein bestes Schach, und gut. Rechenspiele zeigen : jeder der vier vorn liegenden kann noch gewinnen.

Cliff mühte sich, mit einer Mehrfigur in Vorteil zu kommen - beim Grobdrüberschauen sah es tatsächlich absolut ausgeglichen aus; Joleik hatte es schlicht versäumt, einen angegriffenen Läufer zu decken. Als Cliff dann mit einer kleinen Kombi seinem Gegner eine zweite Figur abluchste, strich dieser die Segel. Rumstromern also : Cliff hat einen bestimmten Pokal im Auge, den er gern ergattern möchte (und sicher auch würde, das war ihm schon klar). An Brett vier gewann Michael Strebel gegen Thies Tiedemann. Alle Figuren verschwanden vom Brett, Thies Dame wurde eingesperrt, und von Michaels Turm und Springer erlegt - nettes Motiv. In einem rein Brokdorfer Duell gewann Nicklas Kirchner gegen Jannik Teichert, nachdem dieser sich deutlich in Vorteil befindend verspekulierte, und einen Turm opferte, um einen Bauern durchzubringen, der indes aufgehalten und dann eroberte wurde.

Britta versucht gegen Hendrik etwas unorthodox diesen in Verlegenheit zu bringen, was sie Läuferpaar und Tempi kostet. Hendrik steht supersolide, hat auch noch die bessere Zeit. Übersieht dann aber eine kleine Kombi, die den Eckpfeiler der den König schützenden Bauern kostet. Kurz danach wäre noch die Möglichkeit gewesen, in eine remisliche Stellung zu gelangen; nachdem dies nicht genutzt wird, ist es vorbei. Ein klar und deutlich drohendes Matt könnte nur mit schweren Materialverlusten verhindert werden, Hendrik gibt auf.

Die letzte überhaupt entschiedene Partie war die von Nils und Dirk. Nach meinem Geschmack steht Nils einen Hauch besser, die Stellung ist weitestgehend zugeschoben, aber Dirks Läufer dauerhaft schlecht. Nils bietet remis an, Dirk lehnt ab, und macht mehr oder weniger nichts. Nils wiederum opfert kurz vor der ersten Zeitkontrolle (1 Stunde für 30 Züge, 30 Minuten für den Rest ist eine ungewöhnliche, aber durchaus brauchbare Zeitvorgabe) einen Springer für zwei Bauern und Spiel. Allerdings befreit das auch den Läufer, und Dirk scheint auf der Siegerstraße zu sein. Taktisch äußerst findig luchst Nils ihm den wieder ab, gegen drei Bauern. Und die Freibauern rennen auf beiden Seiten um ihr jetziges oder zukünftiges Leben. Ich schätzte das als unklar bis ausgeglichen ab, allerdings wählt Nils von zwei ebenbürtig scheinenden Zügen den schlechteren, verliert dabei ein entscheidendes Tempo und den Wettlauf im Kampf um die erste Dame. Diese entscheidet dann zugunsten von Dirk. Eine hochgradig spannende Partie, hat Spaß gemacht zuzuschauen und in Gedanken mitzuspielen.

Punktgleich kamen in dieser Reihenfolge Dirk, Britta und Cliff auf die ersten drei Plätze. Cliff gewann den von ihm begutachteten Pokal (bester Jugendlicher über DWZ 1500; er war der einzige in dieser Wertung). Die bereits erwähnten Jacob und Thies spielten zwei Blitzpartien um Platz 9, Jacob setzte beide Mal Matt. Auch den hübschen Pokal für das schnellste Matt gewann Jacob (matt in 8). Der Junge wird Furore machen, da bin ich mir absolut sicher.

Für Cliff bleibt die Erkenntnis, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Er hätte noch besser abschneiden können, zweifellos. Aber : auch in diesem Turnier hat er rund 40 DWZ-Punkte hinzugewonnen, was belegt, dass das Ergebnis nicht als Enttäuschung gewertet werden kann. Und durch das Spielen hat er weiter an Erfahrung gewonnen. Auf einigen Ebenen hat er noch deutliches Steigerungspotential. Und wie ich ihn kenne, wird er das umsetzen.

 

Egbert Hengst