Heinz-George-Pokal Runde 6 - auf die Zielgerade eingebogen

Nur eine der beiden Spitzenpaarungen wurde heute gespielt: die beiden Hademarscher holen ihre Partie in heimatlichen Gefilden nach. Durch den Wintereinbruch waren zudem weitere Ausfälle zu beklagen, die durchaus auch Einfluss auf die Tabelle nahmen.

Da ich fast die ganze Zeit am Brett saß, und auch als letzter noch spielte, kann ich nur wenig zu den Details der anderen Partien beauskunften.

In einer Verfolger-Partie gingen Alexey und Sven recht ruppig aufeinander los. Ich wähnte Alexey etwas im Vorteil, aber bei dem flüchtigen Blick kann das getäuscht haben. Jedenfalls gewann Sven, und ist nun auf Tuchfühlung zur Spitze, und ein sehr ernsthafter Titelaspirant.

Also zu meiner Partie : mein Gegner Dr. Carsten Coldewey spielt gern französich, und da ich das auch gern tue, wollen wir mal gucken... Das typische bei den Französich-Spielern ist, dass sie nie zurückweichen, und ihrer Liebe treu bleiben.

Und so kamen eine Reihe Erinnerungen hoch bei mir. Als ich anfing, mir Schach-Kenntnisse aus Büchern anzueignen, gehörte französisch schnell zu meiner Lieblings-Eröffnung. Insbesondere war ich von einer Variante angetan, die Leben-und-Tod Variante hieß. Die Engländer haben vor vielen Jahren gesagt, dass die Fussball-Weltmeisterschaften nur den Sinn haben, der Rivalität zwischen England  und Deutschland eine neue Ebene zu verleihen. Und so war meine Begeisterung für Schach und insbesondere Eröffnungsstudium sehr eng verbunden mit dieser Leben-und-Tod Variante. Und die geht so : 1.e4 e6 2.d5 d5 3.Sc3 Lb4 4.e5 c5 5.a3 Lxc3+ 6.bxc Se7 7.Dg4 Dc7 8. Dxg7 Tg8 9. Dxh7 cxd 10.Kd1 (!?). Es gibt zwei steinalte Partien, die ich über Jahre auswendig kannte : Bronstein-Uhlmann remis (ich weiß aber noch, dass weiß mit 22.Sb8!! hätte gewinnen können), und Schmid-Pachman remis. Insbesondere die letzte Partie war zumindest nach damaligem Kenntnisstand perfekt, und endet durch Zugwiederholung.

In Göttingen gab es damals einige Französisch-Experten, vor allem geschuldet dem unvergessenen Gerd Reim, und so bekam ich die Variante mehrfach aufs Brett. Das erste mal war es eine Blind-Simultan-Partie morgens um drei in einer Disko, ich hatte schwarz. Michael Furian spielt gegen drei Gegner. Nach einer Weile sagte ich : ich spiele die Pachman-schen Züge, such Dir aus, wann Du abweichen willst. Nö, ich spiele die Schmid-schen Züge, also war es remis. Ein anderes mal waren wir mit einer starken Göttinger Truppe bei einem Blitzturnier in Bad Pyrmont, ich hatte wieder schwarz, und erinnere mich noch, dass ich irgendwann Sg4 spielte. Mein Gegner brütet mehr als zwei Minuten, und haut mir die Stellung um die Ohren. Und später erfuhr ich, dass es sich um dem IM Bernd Stein handelte (der die Variante auch permanent spielte, u.a. ein remis gegen den damaligen Weltklasse-Speiler Beljawski). Übrigens war Stein bei weitem nicht der beste anwesende Spieler. Ehrfürchtig beobachteten alle das Treiben des "Blitzmonsters" Podzielny, der in dieser Disziplin mehrfach deutscher Meister war. Ein drittes mal hatte ich die Variante mit weiß gegen einen Spieler von Tempo Göttingen, Peter Jürgens. Der setzte mir eine Nebenvariante vor, die ich meinte widerlegen zu müssen (weil ich ja alles zu kennen glaubte), und eigentlich hätte verlieren müssen - ich war viel zu frech. Nach wüsten Verwicklungen gewann ich in einem Endspiel. Ich war doch etwas aus dem Ruder, dass die 'Abweichung' nichts anderes war als ein Vorschlag von Uhlmann.

Und würde es nun in meiner aktuellen Partie zu der Stellung kommen? Ich war bereit, und Carsten wich nicht aus. Also: ja, die Leben-und-Tod Variante. Schon früh kamen aber für ihn ungünstige Abwicklungen, die mir schlicht einen Mehrbauer im Endspiel bescherten plus Läuferpaar. Das schwarze Gegenspiel war nicht gut genug, mein h-Bauer rannte und rannte, quetschte die schwarzen Figuren ein. Letztendlich musste Carsten einen Läufer dafür geben, und ich gewann sicher - am Ende mit Läufer und zwei Bauern mehr.

Das Spiel der Hademarscher steht noch aus; falls einer gewinnt, ist er mit mir punktgleich. Von löblichem Kampfgeist auch die vorgezogene Partie der beiden Kollmaraner Olaf Lubenow und Henning Olde. Beide wollten weiter nach vorn, und verabredeten : kein remis. Und da Olaf gewann, haben sich beide dran gehalten.

Egbert Hengst