Weiter geht‘s

Irgendwie beschleicht mich das Gefühl, dass die Saison 2013/14 in diesem Jahr zu Ende gegangen ist, und nicht wie gefühlt im letzten oder vorletzten Jahr. Was nicht alles danach passiert ist… Es gab die Fußball-Weltmeisterschaft, mit dem grandiosen 7:1 im Halbfinale, und dem extrem spannenden Finale mit dem Ergebnis 4ter Stern. Im Schach ist Magnus Carlsen mittlerweile unumstritten der beste, in allen Disziplinen Weltmeister oder Weltbester. Allerdings naht ernst zu nehmende Gegnerschaft: in einem der stärksten Turniere aller Zeiten gewann Fabio Caruana mit 8,5 aus 10, zwischenzeitlich mit 100% nach sieben Runden. Karpov war mal mit sechs aus sechs gestartet, aber so ein Zwischenscore ist nach meiner Kenntnis bei einem solchen Klassefeld noch nie da gewesen. Die deutsche Nationalmannschaft, immerhin vor einigen Jahren Mannschafts-Europameister, schnitt bei der Olympiade enttäuschend ab, trotz der Einbürgerung von Liviu-Dieter Nisipeanu, immerhin damit Nr. 2 unseres Landes. Das zeigt mal wieder, dass man Erfolge nicht zwingend durch Spielstärke erreichen kann, sondern dass (in Abwandlung eines Spruchs von Otto Rehhagel) die Wahrheit auf dem Brett liegt.

Die neue Saison steht auch für uns auf Landesebene in den Startlöchern (obwohl die Saison eher das Startloch selbst ist). Einiges an Bewegung zwischen den Vereinen, wie üblich. Auffällig diesmal die Wechsel der extrem starken Jugendlichen Emil Powierski (Elmshorn) und Benedict Krause (Bargteheide), beide zum Krösus unseres Landes: Norderstedt. Ich denke, beides ist logisch: in ihren Vereinen etwas unterfordert muss man neue Reize setzen, wenn man sich weiter kontinuierlich verbessern will.

Auffällig auch die Konzentration guter Spieler im Osten des Landes: Bad Oldesloe hat sich erneut verstärkt, mit Spielern aus Ahrensburg und Glinde. Beide waren in der letzten Saison im Aufstiegskampf an Mölln und insbesondere an Wolfgang Krüger gescheitert. Ergebnis bei Ahrensburg: personeller Aderlass, auch für die neue Saison sind sie nicht unbedingt Topfavorit. Glinde? Fünf Mitglieder hat der Verein noch. Kleiner Einschub: in der dreigeteilten Verbandsliga hätten beide ihr Plätzchen gehabt, und vermutlich weniger Sorgen, die Spieler bei der Stange zu halten. Nach Wyk ist Glinde damit das zweite Opfer der VL-Reform. Ich kann mich an die Gründe für die Reform zu meinem Bedauern nicht mehr erinnern: war es das Ziel, Vereine von der Landkarte verschwinden zu lassen? Einerlei statt Vielfalt? Egal, wen interessiert’s schon?

Kommen wir zu den Verbandsligen, zunächst zu der im Osten (genannt B). Mit Quickborn ist die letzte Mannschaft aus dem Bezirk West verdrängt worden, es verbleiben welche aus den Bezirken Ost und Kiel. Laut DWZ-Durchschnitt kann der Aufsteiger eigentlich nur Norderstedt II heißen. Ich befürchte aber, dass wie im letzten Jahr zu viele Spieler in der Ersten aushelfen müssen, und dann Punkte an Orten liegen bleiben, die nicht dafür vorgesehen waren. Favorit für mich ist diesmal Bad Oldesloe, die mit der Institution Hans-Werner Stark an der Spitze nunmehr endlich den Aufstieg anpeilen können. Ein Selbstgänger ist dieser Tipp nicht, liegen doch die Bad-Oer etwa 100 DWZ pro Brett hinter den NorderIIlern. Mit zwei weiteren 2000ern hat sich Oldesloe erheblich verstärkt, und sollte das über die gesamte Saison hinweg stärkste Team sein. Viel wird abhängen von den alten Duellen gegen Eutin und Travemünde, die gefühlt schon seit dem Kindergartenalter andauern. Und hier geht es meist weniger um Spielstärke als um psychologische Feinheiten. Aber wenn alles nach Plan läuft, schaffen die Bad Oldesloer das. Vorausgesetzt, sie spielen komplett und relativ häufig näherungsweise in Bestbesetzung- beides war zuletzt nicht der Fall. Entscheidend natürlich auch: wie oft gelingt es Norderstedt II, möglichst viele ihrer Top-Spieler einsetzen zu können.

Verbandsliga A: Nord und West (und Neumünster, die unkielerischsten Kieler), in mehrerlei Hinsicht zweigeteilt. Neben den fünf Mannschaften Flensburg, Husum, Rendsburg, Glückstadt und Itzehoe aus der letzten Saison gibt es fünf Neulinge bzw. Rückkehrer: Leck, Wrist, Flensburg II, Agon II und Hademarschen. Ein bunter Haufen, einer Karnevalsveranstaltung würdig. Aber jeckenhafter als die letzte Saison wird die neue kaum verlaufen können. Oder doch?

Klarer Favorit muss Leck sein, Absteiger aus der LL, und komplett zusammen geblieben. Mit Dr. Thore Prien haben sie einen, der immens sicher seine Punkte einsammelt. Ich hatte das Vergnügen, dem Burschen beim Blitzen bei der LSEM zuzusehen, und beim Umgang mit Jugendlichen. Das wirkt schon sehr kompetent, um nicht professionell zu sagen. So etwas gibt der ganzen Mannschaft Sicherheit, und was Leck ab Brett zwei hat, ist auch nicht von Pappe. Ist die Landeseinzelmannschaft in Leck wirklich weniger als ein halbes Jahr her?!

Am ehesten dürfte vielleicht Flensburg in der Lage sein, den Leckern ein Leck in den Rumpf zu bohren. Aber ich sehe zwei Gegenargumente. Einige der Flensburger spielen auch jenseits der Grenze Schach, und nach Bekunden meines alten Kumpels Guido ist es dort auch ganz hübsch (seine exakten Worte habe ich nicht mehr auf dem Zettel, macht aber nix). Ein Blick in die Statistiken der letzten Saison verrät: von den drei Topspielern saßen viel zu wenig im Durchschnitt am Brett. Und das Gefälle ist dann doch spürbar größer als bei Leck.

Agon II vielleicht. Von den DWZ sind sie fast auf Augenhöhe mit Leck. Sehr ausgeglichen, etwa 100 Punkte zwischen eins und acht. Brett eins ist Nr. neun im Verein, die gesamte 2. Mannschaft fungiert als Ersatz für die 1. Mannschaft. Aufgrund dessen hängt auch hier viel davon ab, wieviel Ersatz die Erste benötigt. Richtig drastisch sind Ausfälle aber nicht, bedenkt man, dass z.B. an Brett neun Britta Leib gemeldet ist. Spätestens da ist klar, dass das zu einem vorderen Platz in der VL reichen muss. Ganz vorn sehe ich Agon aber nicht, dafür scheint mir die Spitze zu wenig schlagkräftig. Aber fraglos können sie an einem guten Tag jedem gefährlich werden, auch Leck.

Husum. Husum. Mehrfach mit dem Ziel Aufstieg in die LL gestartet, mehrfach an Gegnern gescheitert, die eigentlich gar keine hätten sein dürfen. Sie haben mit Rolf Behnk einen der stärksten Spieler in der gesamten VL, er könnte problemlos auch an einem vorderen Brett der LL spielen. Am Ende der letzten Saison kam auch bei ihm etwas Sand ins Getriebe, aber ich tippe mal, dass er seine gewohnte Stärke wiederfinden und erneut ein Zugpferd für seine Mannschaft sein wird. Mit Kenneth Nahnsen (herausragende Leistungen in Lüneburg, bravo!) haben sie einen Jungstar mit weiterem Steigerungspotential. Insgesamt: sie werden oben mitspielen, zum Aufstieg reicht es nicht.

Wrist war in der vorletzten Saison nur knapp am Aufstieg gescheitert. Bärenstarke Truppe. Zur letzten Saison ein furchtbarer Auftakt. 0:8 kampflos am  ersten Spieltag zuhause. Einige Abgänge waren vor der Saison nicht kompensiert worden, über die Gründe solch hoher Ausfallquoten mag ich nicht spekulieren. Zur neuen Saison weitere Abgänge: mit Frank Hamann und Holger Lorenz kehren zwei zu uns zurück, mit Wolfgang Schlünz schloss sich ein weiterer Spieler an, dem die Itzehoer Luft gut gefallen hat. Für Wrist natürlich unschön, auch wenn deren Jungstars zurück kehren. Schlimmster Abgang ist aber natürlich Jens Wulf von Moers, nicht zu kompensieren. Wrist wird nicht absteigen, aber auch nicht aufsteigen. Alles dazwischen erscheint möglich.

Rendsburg hat mich in der letzten Saison überrascht. Das Spiel bei uns war für ihre Gegner entmutigend. Einige wenige etwas besser stehende Partien gewinnen die Rendsburger, dazu auch eine verlorene, und in den etwas schlechter stehenden verlieren sie einfach nicht. Routine pur, gepaart mit Bauernschläue zur rechten Zeit. Wir werden sie nicht mehr unterschätzen, hoffentlich. Aber ich bin sicher, die Rendsburger werden auch diesmal dem einen oder anderen die Butter vom Brot nehmen, während der schon nach dem Brotaufstrich sucht.

Die DWZ der Glückstädter ist mit durchschnittlich 1740 dazu angetan, sich Sorgen zu machen. Des Rätsels Lösung findet man leicht. Die DWZ der besten acht Spieler ist mindestens 100 Punkte höher. Und damit gehört auch Glückstadt zu den Mannschaften, die sich mit einiger Wahrscheinlichkeit im Mittelfeld tummeln werden. Sehr gute Spieler an Brett eins bis drei, dahinter stabile Punktesammler oder jederzeit gefährlich gegen deutlich bessere Gegner. Der Mannschaftssieg in Flensburg in der letzten Saison sei nur als ein Beispiel genannt.

Flensburg hat mit Flensburg II ein weiteres Pferdchen am Start. Klar getrennte Kader von vornherein, d.h. die Spieler der Zweiten dürfen nicht wie bei Norderstedt oder Agon in der Ersten aushelfen. So etwas schwächt grundsätzlich immer auch die Erste, denn die Ersatzspieler können eben nicht die besten der Zweiten sein. Ein zweiter Blick liefert ein klares Bild: die Zweite ist besetzt mit den Jungstars, mindestens die Hälfte der Mannschaft besteht aus Jugendlichen. Ich halte diese jetzt schon für zumindest teilweise stärker als viele erfahrenere Spieler in der Ersten, und dass diese nicht dort, sondern hier gemeldet sind, zeigt: Flensburg hat nicht das primäre Ziel mit der 1. Mannschaft aufzusteigen, sondern will die Jugend weiter fordern  und so auch fördern. Löblich, die Zukunft wird es ihnen danken.

Zwei Beispiele, die mich vermuten lassen, dass Flensburg II kein sicherer Absteiger ist. Lübeck IV vor zwei Jahren mit Jungs, die auf den Kinderspielplatz gingen, nachdem sie uns zerlegt hatten. Eine Mannschaft, die anfangs als Abstiegskandidat angesehen worden war, und am Ende der Saison bereits die beste in der Staffel (Kololli und Kololli hießen die besten aus der Truppe). Und letztes Jahr ereilte uns mit Doppelbauer II ein ähnliches Schicksal. Mats Beeck hatte eine DWZ von etwa 1800, heute sind es deutlich über 2000. Und seine aktuelle Spielstärke dürfte bereits erheblich höher sein. An Brett sechs saß ein junger Mann namens Pluska, der nach vielen Runden immer noch 100% hatte, und ebenfalls raketenhaft nach vorn gekommen ist. Also Vorsicht beim Unterschätzen solcher Mannschaften. Besser nicht.

In der Fußball-Bundesliga sagt jeder auf die Frage zum größten Abstiegskandidaten: Paderborn. Man muss es tun. Ansonsten könnte man seinen Expertenstatus aberkannt bekommen. Und hier MUSS man wohl bei der Frage nach dem größten Abstiegskandidaten der Verbandsliga A Hademarschen nennen. Indes: in der FuBaBuLi hat Paderborn nach zwei Spieltagen bereits vier Punkte, und es hätten sogar sechs sein können. Aktuell sind sie auch vor den großen Bayern. Und in einem Auswärtsspiel haben sie den Gegner (wer war das noch?) mit 3:0 gedemütigt. Also: wer weiß? Von den Hademarschern kenne ich fast alle Spieler mehr oder weniger gut. Ich denke, dass sie an den vorderen Brettern häufiger mal 50% oder mehr holen. Das Mannschaftsgefüge stimmt insgesamt. Und hinten gibt es erfahrene Haudegen, die immer mal wieder für einen halben oder ganzen Punkt gut sind. Quintessenz: Hademarschen muss größter Favorit auf den Abstieg sein, aber sie sind keineswegs sicherer Absteiger. Wenn man so will, eine angenehme Ausgangsposition.

Bleiben wir: Itzehoe. Zum Ende der letzten Saison haben wir mit einem fulminanten Endspurt die Klasse gehalten, aber immer funktioniert so eine last-minute-Rettung natürlich nicht. In dieser Saison sind unsere Aussichten erheblich besser. Neben den drei erwähnten Zugängen aus Wrist hat sich auch Dr. Andreas Gondorf zu uns gesellt. Noch ohne DWZ, aber da wird schon bald eine nette Zahl stehen. Nehmen wir mal nur unsere Spieler ab Platz neun: Mit Jochen, Kalle, Thorben, Holger und Andreas haben wir gleich fünf Spieler, die VL-Niveau haben, und die dann auch ohne große Probleme eingesetzt werden können. Das war in der letzten Saison eins unserer Hautprobleme: zu viel Ersatz, und das auch noch zu früh in der Saison. Und damit man dann nicht zu früh die vorderen Spieler der Zweiten festspielt, muss man tiefer und tiefer in der Setzliste nach unten. Ein schmaler Grat. Hajo formulierte einmal ganz nett, dass ich in einer Partie (gegen Cliff übrigens) auf einem Zeh balancieren musste. Wir waren mit unserer Mannschaft letztes Jahr in einer ähnlichen Situation. Das wird nicht wieder passieren. Unsere Aussichten: wir werden nicht absteigen, und brauchbares Schach spielen, und dem einen oder anderen der vor uns eingeschätzten Mannschaften zu erhöhtem Puls und vielleicht auch zu weniger Punkten verhelfen. Vom DWZ-Schnitt sind wir z.B. (von den gemeldeten 1-8) fast auf Augenhöhe mit Husum. Das muss nichts heißen, aber wir gehen gut gerüstet an den Start.

Auf Leck als Aufsteiger lege ich mich fest, auf einen Absteiger nicht.

In unserer Bezirksliga befinden sich mit Heide und Quickborn zwei Mannschaften, die sicher VL-Niveau haben, und die von der Besetzung her kaum verändert starten. Es kann nur einen (Aufsteiger) geben, so dass eine sehr kampfbetonte Bezirksliga-Saison zu erwarten ist. Der direkte Vergleich könnte den Ausschlag geben, aber es gibt einige Mannschaften wie Uetersen oder Kollmar, die Favoriten stolpern lassen könnten. Ein echter Prüfstein in dieser Richtung ist sicher Burg, mit vier Topleuten vorn, die auch schon mal 100 % holen. Aber da diese selbst wohl nicht aufsteigen wollen, werden sie es vermutlich auch nicht tun. Elmshorn II ist ebenfalls gefährlich, aber ich bleibe dabei: Heide oder Quickborn wird direkt wieder aufsteigen.

Unsere Zweite ist die weit und breit schönste Braut der Bezirksklasse. Im Nachhinein ein Jammer, dass die Jungs abgestiegen sind. Die DWZ der ersten acht ist nur knapp unter der von Hademarschen I (auch wenn die Hademarscher etwas taktisch aufgestellt und Stammspieler weiter unten gemeldet haben), die ja immerhin zwei Klassen höher spielen. Motto muss sein: möglichst häufig in möglichst guter Besetzung antreten. Gelingt das, kann nur ein Wunder den Aufstieg verhindern.

Unsere Dritte spielt nicht um Auf- oder Abstieg. Sie haben trotzdem Spaß und Ehrgeiz, und das sind ja auch Hauptideen bei unserem schönen Sport.

Die Jugend wird weiter in Bewegung bleiben. Von der Stärke her sind wir ohne Cliff sicher schlechter als letztes Jahr. Macht aber nichts, weitere vielversprechende Talente sind unter uns.

Die Saison kann kommen.

 

Egbert Hengst